Das Büro Kammerer + Belz und Partner hat in den vergangenen 66 Jahren eine Vielzahl an Projekten geplant und realisiert. An den bei diesen Projekten entstandenen  Plänen, Fotografien, Zeichnungen und Publikationen wird erkennbar, wie viel Arbeit und Organisation hinter dem Büro steckt. Die Werkübersicht soll verdeutlichen, wie wichtig das Schaffen Kammerers und Belz war und wie ihre architektonischen Werke bis heute zahlreiche Städte innerhalb von Deutschland mitgeprägt haben. Durch die Zusammenstellung möchten wir die Erinnerung an Kammerers Arbeit digital festhalten, um somit jedem den Zugang zu seinem Werk ermöglichen. 
 
Zahlreiche Bauten des gemeinsam mit Walter Belz geführten Büros prägen bis heute das Stuttgarter Stadtbild, wurden mit renommierten Preisen ausgezeichnet und schrieben wie im Fall der beiden Innenstadtprojekten “Commerzbankerweiterung am Fruchtkasten” und der “Calwer Passage” in den 1970er Jahren Stuttgarter Architekturgeschichte. 
 
Im Jahr 2022 wäre Hans Kammerer 100 Jahre alt geworden. Die Dokumentation der Werke dient als ein weiterer Teil der Ausstellung “100 Jahre Hans Kammerer - Architektur für Stuttgart”, denn dies ist eine wichtige Bestandsaufnahme einer langen Arbeitsphase des Büros, um die sich Hans Kammerer, Walter Belz und viele andere Mitarbeiter*innen in den letzten Jahrzehnten bemüht haben. 
 

Wohnsiedlungen

Ein wesentliches Ziel der Entwurfskonzepte für Wohnsiedlungen war es, trotz der Dichte ein hohes Maß an Privatsphäre für die Haus- und Wohneinheiten zu erlangen. Durch den Einsatz verschiedener Gebäudetypen wie beispielsweise Ketten-, Reihen- oder Punkthochhäuser, die oftmals zueinander versetzt und in die Höhe gestaffelt sind, erschufen die Architekten Kammerer und Belz vielseitige heterogene Wohngebiete. Die Gebäudestruktur wurde stets im Kontext entworfen, um ein optimales Erscheinungsbild für den Betrachter von außen als auch für den Bewohner von innen zu kreieren. Bescheidenheit, Funktionalität und der Sinn für individuelle atmosphärische Räume führten zu einer idealen Mischung, welche die Wohnsiedlungen Kammerers zu Vorzeigebeispielen einzigartig konzipierter Architektur machen.

Die Siedlung Aspen in Stuttgart war eines der ersten Vorhaben von Kammerer und Belz, bei dem dunkle Eternitschindeln zur Anwendung kamen. In den späteren 1960er und 1970er Jahren häufig von ihnen im Wohnungsbau verwendet, wurde dieses Material- und Farbkonzept zu einem Erkennungsmerkmal des Büros. Die landschaftlichen Situationen und teilweise ausgeprägten Aussichtslagen wurden für die Wohnanlagen und die architektonische Gestaltung der jeweiligen Bebauungen maßgeblich, deren hohe Qualität bis heute überzeugt.
Die Grundrissgestaltung der einzelnen Wohnungen war nachhaltig und schlicht gehalten, sodass die erschaffene Architektur Raum zur Entfaltung des Bewohners eröffnete. Ein angenehmes Maß an Privatsphäre wurde durch die Gliederung und gleichmäßige Orientierung der Hausgrundrisse, sowie der trennenden Eingangsbereiche, versetzten Terrassen und Hausgärten erzeugt. Die von Kammerer und Belz oftmals verwendeten Versprünge von einzelnen Baukörpern bildeten behagliche individuelle Räume mit hoher Aufenthaltsqualität. Kammerers Versuch, moralische Wertvorstellungen in Gebäuden zu manifestieren, scheint geglückt. Für ihn bildet Architektur mehr ab und „ [...] kann nicht einseitig an ökonomischen Maßstäben technischer Perfektion oder pseudo-sozialem Bezug gemessen werden. Weil sie der kulturell entscheidende Bestandteil unserer Umwelt ist, muß sie auch als künstlerische Aufgabe gesehen werden [...]“.

 

NP

 

Schulen

Schulen sind Orte der Zukunft für künftige Generationen. Im Laufe der Zeit wandelte sich die Schulbautypologie in ihren Anforderungen und die Ausgestaltung dieser Bauaufgabe. Blickt man auf die Vielzahl an Schulgebäuden und Bildungseinrichtungen zurück, welche die Architekten Hans Kammerer und Walter Belz in ihrer Schaffensphase gestaltet haben, erkennt man mit wieviel differenten Aufgaben sie sich auseinandergesetzt haben. Deutlich wird aber auch, dass es Motive und formale Gestaltungsideen gibt, welche sich stringent durch all ihre Bauwerke ziehen. 
 
Betrachtet man einzelne Schulbauten genauer, erkennt man wie situativ und kontextbezogen die jeweiligen Entwürfe gestaltet wurden. Zum Beispiel bei dem Entwurf der Lehenschule, eine Sprachheil-und Schwerhörigen-Schule, die bewusste Inszenierung der Topografie. Ein introvertierte Raum durch das formale Mittel zweier Atrien unterstreicht die Anforderungen der Schule, für die zukünftigen Schüler des Hauses, Schutz und Öffentlichkeit gleichermaßen zu sein. Der Typus des Atrium-Baus wurde ein einprägsamer Baustein für den Schulbau der 60er Jahre.
 
Konträr zu dieser kompakten und introvertierten Haltung formuliert sich das Schullandheim Mönchshof in Kaiserbach. Es handelt sich hier um ein gebautes Ensemble aus solitären Bausteinen, welche sich um einen gemeinschaftlichen Hof gruppieren. Mit den ortstypischen Satteldächern und der gestalterischen Analogie zu den dortigen Hofanlagen, zeigen die Architekten ihr Feingefühl für kontextuelle Aufgaben.
 
Eine dritte Typologie repräsentiert die Grundschule Frankenthal. Hierbei setzten sich die einzelnen L-förmigen Baukörper in einem diagonalen Versatz hintereinander und schaffen dadurch gemeinschaftliche Flächen des Aufenthalts.
 
Anhand dieser drei Beispielen lässt sich erkennen, dass die Architekten stets auf der Suche nach einer individuellen Lösung für einen bestimmten Ort waren, ohne sich einer typologischen Gleichheit zu bedienen. 
Dennoch offenbaren sich bei der Ausgestaltung von Raumzusammenhängen, wie auch bei der Auswahl von Materialien und in der konstruktiven Ausarbeitung gewissen Zusammenhänge. 
Ein gemeinschaftlich genutzter Zwischenraum verbindet bei den meisten Gebäuden die Häuser miteinander und dient gleichzeitig als vertikale Erschließungsfläche. Die horizontale Gliederung der Fassade wird durch den Einsatz liegender Element, wie Brüstungen, Mauerwerk oder dem Tragwerk unterstützt. Durch das Fügen der Teile entsteht so eine vertikale Substruktur. Die eindeutige Reduktion auf das Notwendige spiegelt sich in einer klaren Formensprache und der Verwendung natürlicher Materialien wieder. 
 

JB

"Worauf wir uns jetzt wieder besinnen, ist die Forderung, dass ein Gebäude größeren Ansprüchen als nur denen der reinen Zweckerfüllung zu genügen hat."

Hans Kammerer, in: Heinrich Klotz, Architektur in der Bundesrepublik, 1977

 

Berufsschulen

Das Werk von Kammerer + Belz, Kucher und Partner umfasst unzählige Projekte in unterschiedlichsten Gebäudetypologien. Neben den Wohn- und Geschäftshäusern stehen vor allem die Bildungsbauten mit einer Vielzahl an Exemplaren. Über die Jahre hinweg entstanden im schulischen Kontext auch Berufsschulen, die bei genauerer Betrachtung gemeinsame Charakteristiken aufweisen und gar Vermutungen auf einen grundsätzlichen Entwurfsgedanken zulassen.
Aus dem allgemeinen Aufbau der Bildungsbauten lässt sich die kompositorische Idee des Campus´ herauslesen. Ein Ort des Studiums, der in der Addition verschiedenster schulischer Funktionen wie Cafeteria oder Lehrräumen eine kleine Welt entstehen lässt. Das Motiv der strukturellen Unterteilung von diversen Funktionen in eigene Volumen oder zumindest formal differenzierter Gebäudeteile wird erkenntlich. Diese orientieren sich im Allgemeinen um eine Zone des gemeinsamen Aufenthalts, wobei es sich häufig um Freilufthöfe oder interne „Straßen“ handelt. Das Merkmal der internen „Straße“ wiederum ist eine weitere Gemeinsamkeit der Berufsschul-Typologie. Sie wird wie auch die Verweilzonen an der frischen Luft zur Organisation der Funktionen eingesetzt. Gleich einer großen Flurfläche wird sie als gemeinsame Mitte des Ensembles inszeniert und ist Treff- und Orientierungspunkt gleichermaßen.
 
Betrachtet man die unterschiedlichen baulichen Strukturen der Berufsschulen, wie z.B. der Anbau der Berufsschule Biberach oder das Berufsschulzentrum in Bietigheim-Bissingen, fallen auch in der Materialwahl und Materialkomposition gewisse Parallelen auf. Hier stehen sich massive Bauvolumen und transparente, leicht anmutete Akzente in spannungsvoller Polarität gegenüber. Während gemeinhin funktionale Programmatik in geschlossen ausgestalteten Volumen aus Ziegel oder aluverkleideten Betonfertigteilen untergebracht wird, verfügen die Bereiche der Kommunikation und des gegenseitigen Austauschs über große Fensterfronten. Diese Glaskonstruktionen oder wintergartenähnliche Stahlkonstruktionen heben die Treffpunkte strukturell vom Rest der Gebäude ab und tragen zur Verbindung von Innen- und umgebenden Landschaftsräumen bei. Oft inszenieren aufwändige Raumtragwerke oder Fachwerkträger mit Oberlichtern den Lichteinfall und verleihen somit den Aufenthaltsräumen Besonderheit.
 
Resümierend kann man sagen, dass bei den realisierten Bildungsbauten des Architekturbüros stets der Gedanke des gemeinschaftlichen Miteinanders die architektonischen Entscheidungen leitet und somit kleine in sich geschlossene Ensembles entstehen.
 

LS

 

Kindergärten

In einem Kindergarten werden Kinder im Vorschulalter betreut. Also im Alter von drei bis sechs Jahren. Oftmals spricht man heutzutage von einer Kindertagesstätte oder kurz „KiTa“. Handelt es sich um eine Kinderkrippe können sogar Kinder von einem halben Jahr bis drei Jahre aufgenommen werden. Hier werden die Kinder durch die Erzieher/innen gefördert und bei ihrer Entwicklung unterstützt. Es ist auffällig, dass das Raumprogramm damals noch sehr einfach war und meist nur aus Gruppenräumen, einem Sanitärbereich und Personalräumen bestand. Heutzutage gibt es eine Vielzahl an pädagogischen Konzepten und verlängerte Öffnungszeiten, die nach unterschiedlich großen Gruppenräumen, größeren Bistrobereichen, Schlafräumen und spezifischen Themenräumen wie Werkstätten oder Bewegungsräumen verlangen.
 
Hans Kammerer baute zwei seiner Kindergärten in den sechziger Jahren. Zum einen den Kindergarten in Neustadt von 1963-64. Die Gebäudekubatur ist in drei kleinere andienender gereihte Körper aufgeteilt, die jeweils über einen Gruppenraum und eine Nebenraumspange verfügen. Darin untergebracht sind die Sanitärbereiche, Personalräume und eine Teeküche. Möbel werden in die Wandflächen integriert. Durch die Aufteilung ist eine Anpassung an das Gelände möglich. Die benutzen Materialien sind Sichtmauerwerk, Holz und Eternitschiefer. Der Kindergarten in Schmiden wurde 1968-69 aus Stahlbetonfertigteilen erbaut. Der Grundriss ist kreuzförmig aufgebaut, wodurch sich in einem Arm die Nebenspange mit Personalräumen und einem Sanitärbereich befindet.. Gegenüber sind die Gruppenräume angeordnet. Durch eine eingeschnittene Küche werden die Gruppenräume in Vorbereich mit Garderobe und Spielbereich gegliedert.
 

AN

 

Gemeindezentren

Im 20. Jahrhundert, in einem langandauernden Prozess, entwickelte sich in Deutschland ein neuer Kirchenbaustil. Neue Materialien wurden verwendet, neue Techniken angewandt und eine neue Haltung und Gestalt hat sich mit der Zeit durchgesetzt. Auch Hans Kammerer prägte diesen architektonischen Umschwung mit seiner Auffassung von Architektur und Formensprache für Kirchen und Gemeindezentren. Er war mit seinen Partnern an sieben Kirchenbauten und Gemeindezentren beteiligt.
Die erste Kirche wurde von dem Kammerer + Belz und Partner Büro im Jahre 1962 für die katholische Kirchengemeinde in Waiblingen bei Stuttgart entworfen. Das letzte Gemeindezentrum wurde im Jahr 1972 von Kammerer + Belz konzipiert.
Mehrere charakteristische Züge tauchen dabei immer wieder auf:
Bei den Entwürfen ist eine klare Trennung zwischen dem Sockel und dem Dach zu beobachten. Die Sockelgeschosse bestehen aus Sichtbeton oder Ziegelmauerwerk, die Dächer sind meistens dunkler gehalten und mit schwarzen Schindeln oder Blech verkleidet. Die Trennung wird oft durch ein horizontales Fensterband verstärkt.
Im Innenbereich der Kirchen dominiert das Material Holz. Während die Grundrisse gespiegelt und klar strukturiert sind, erscheint das äußere Erscheinungsbild sehr skulptural und asymmetrisch.
Es wurde oft mit polygonalen Formen für die Dachformen gearbeitet. Dadurch entstanden monolithische, fast brutalistische Gebäude. Während die Kirchen durch ihr auffälliges Erscheinungsbild als Solitärbau in den Vordergrund rücken, sind die restlichen Funktionen der Gemeinden meist als ein Ensemble um die Kirche gegliedert.
 

AC

 

Kirchen

Der Kirchenbau der Moderne ist das Ergebnis einer der signifikantesten Umbrüche im Baustil der traditionell verwurzelten, christlichen Glaubensgesellschaft. Wo bis 1860 noch eine Neuinterpretation historischer Baustile (Neogotik, Neuromanik, Neubarock) vorherrschte, findet die über 2000 Jahre gepflegte, streng zelebrierte Kirchenbau-Tradition ihr wohlverdientes Ende. Nach der Weimarer Republik, Kriegszerstörungen und dem Leiden während des Zweiten Weltkrieges herrscht Aufbruchsstimmung. Die verkrustete Tradition muss mit dem gesellschaftlichen Umbruch neuen Strömungen weichen. Die Gesellschaft atmet auf. Offiziell beschließt die römisch-katholische Kirche durch das zweite Vatikanische Konzil (1962-65) die Aktualisierung der alten dogmatischen Sätze. Der Volksaltar wird etabliert und somit das Zusammenrücken der Gemeinde symbolisiert.
 
Ab jetzt herrscht Formenvielfalt und Freiheit in der sakralen Architektur. Die zeitgenössischen „Star-Architekten“ wie Gottfried Böhm, Frei Otto, Sep Ruf, Egon Eiermann, Hans Scharoun, Paul Schneider-Esleben erschaffen virtuose Sakralbauten.
 
Das bedeutet auch für das gerade gegründete Büro Kammerer + Belz, Kirchenbaugeschichte mitschreiben zu dürfen. Insgesamt entwerfen und bauen sie im Zeitraum von 1962 bis 1979 elf Kirchen und Gemeindezentren. Skulpturale Einzelstücke, immer schon mit einem Hang zum Sichtbeton. Anfangs noch zurückhaltender als Sockel, später entstehen brutalistische, monolithische Bauten aus purem Sichtbeton, welche eine starke Analogie zu Gottfried Böhms zeitgleich entstehenden Kirchen aufweisen. 
 
Im Grundriss der Kammerer + Belz Kirchen ist eine starke Ähnlichkeit zu erkennen. Meistens eine „vieleckige Fächerform“, welche sich vom Altar aus aufweitet. Die Öffnung in die Welt als Zielsetzung des vatikanischen Konzils wird hiermit übersetzt. Die Form wird unterstrichen von bunten Lichtbändern, Steinreliefs oder Skulpturen, welche immer in Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern entwickelt werden. Die Wirkung ist besonders stark bei der katholischen Kirche in Neustadt, wo sich das Faltwerk aus dem Innenraum über dem Altar zu einem Kirchturm zuspitzt und das abgewandelte Zeltdach von außen mit schwarzem Schiefer bekleidet wird.
 
Die neuen Tendenzen, das Gemeindezentrum in den Kirchenraum zu integrieren, spürt man besonders am Gemeindezentrum in Kirchheim-Ötlingen. Hier ist der Grundriss von 90°Winkeln bestimmt. Der Grundriss in Kirchheim-Ötlingen geht noch einen Schritt weiter und ist sogar gerastert, modular und variabel. Ein Muster das dem heutigen Diskurs zugutekommt, denn immer mehr Kirchen stehen zur Disposition und Umnutzung. Vielleicht haben Kammerer und Belz diese Entwicklung schon damals kommen sehen.

LR

 

Handels- und Geschäftshäuser

Das Büro Kammerer + Belz und Partner baute in seiner langen Schaffenszeit einige Geschäfts- und Handelshäuser. Eins der bekanntesten Bauwerke ist das Buchhaus Wittwer in der Stuttgarter Königsstraße, das aufgrund seiner exponierten Lage oft unter Stuttgartern bekannt ist.
 
In der Nachkriegszeit veränderte sich der Baustil der Architekten von größeren Warenhäusern. Das Büro baute oft auf Flächen von über 10.000qm und gläserne Fassaden wurden nicht mehr länger benötigt, da die Fläche für die Unterbringung von Lagerräumen und Stellflächen immer wichtiger wurde und somit die Gestaltung der Fassade mitbestimmte. Diese starke Introvertiertheit und die daraus folgende Gesichtslosigkeit der geschlossenen Fassaden hat Hans Kammerer oftmals bemängelt. Die überdimensionalen Körper dieser Art in ein bestehendes Stadtbild einzugliedern, bezeichnete er als eine besondere Herausforderung. Häufig wurden zur damaligen Zeit Wettbewerbe für Fassaden ausgeschrieben, um explizit diesem Problem entgegenzuwirken. Das Architekturbüro Kammerer + Belz und Partner versuchte diesen Umstand für eine Bereicherung des öffentlichen Raumes zu nutzen. Die Herangehensweise gipfelte im Kaufhaus in Sindelfingen, welches das Büro in den Jahren von 1968 bis 1972 erbaute. Das gesamte Warenhaus wurde mit Wohnungen ummantelt, um der sonnenbeschienenen Fassade eine sinnvolle Nutzung zu geben und der Stadt zusätzlichen Wohnraum zur Verfügung zu stellen.
 
In einem Interview sagte Hans Kammerer: „Wir versuchen eigentlich immer, ein Stückchen der Stadt mit in den Entwurf einzubeziehen […], mehr Funktionen in den Bau einzubeziehen, als unmittelbar verlangt wurde.“ Nach der Beschreibung Kammerers wurde mit den zuständigen Ämtern hart verhandelt, um den Bauherrschaften und der Stadt gleichermaßen für ihre Ideen zu gewinnen. Dank ihres Engagements konnte häufig vom geltenden Bebauungsplan abgewichen und ein Teil des zu bebauenden Raumes an die Stadtbevölkerung übergeben werden und zwar in Form von Wohnungen, Freiräumen, Platzsituationen oder Nutzungsdurchmischungen.
 
Das Büro Kammerer + Belz und Partner lieferte somit einige erste wichtige Entwurfsprinzipien für Geschäfts- und Handelshäuser mit durchmischten Nutzungen, die bis heute bei der Planung von großer Relevanz sind.
 

FH

 

Büro- und Verwaltungsgebäude

Kammerers Büro- und Verwaltungsgebäude sind oft mit öffentlichen und repräsentativen Funktionen verknüpft. Dies rührt aus Kammerers ständiger Beschäftigung mit der Stadt, selten plant er solche Bauten auf der grünen Wiese. Und auch in diesen Fällen schafft Kammerer immer etwas Freiraum für öffentliche und urbane Räume.
 
Die frühen Verwaltungsbauten wie das Gerlinghaus oder der Bau in der Hospitalstraße sind für die damalige Zeit typisch dem Internationalen Stil angelehnt. Gerade diese beiden Häuser entstanden auch in Zusammenarbeit mit Rolf Gutbier, welcher im selben Zeitraum auch die Kollegiengebäude für die Universität Stuttgart entwarf.
Die Vorhangfassaden dieser Häuser sind oft geprägt durch ein Zusammenspiel von Glas und Metall, oft verwendet aber Kammerer auch Naturstein als Fassadenverkleidung. Diese Natursteine geben vielen dieser Bauten ein wertiges Erscheinungsbild, verschleiern aber nicht die Konstruktionsweise. So sieht man oft auch zurückversetzte Erdgeschosse um den öffentlichen Raum in die Gebäude einzubeziehen und gleichzeitig die Stützenanordnung offenzulegen.
 
Ende der 60er bis in die 70er Jahre verändern sich  der Stil von Kammerer + Belz und Partner 
Büro- und Verwaltungsbauten. Diese entfernten sich immer mehr von rationalen Gebäuden mit oft flexiblen Grundrissen, hin zu einer expressiven Architektur, welche vor allem mit den Horizontalen spielen und spezifischer auf die Nutzungen eingehen. Dies geht oft mit einer Gliederung der Gebäude in einen öffentlichen Sockel und privaten Überbau ein.
Gebäude, wie das Wittwer Geschäftshaus, das RWI Verwaltungsgebäude oder das GENO-Haus spielen alle mit der horizontalen Strukturierung der Fassade in Beton, Kupfer und Glas. Unter anderem lässt sich bei allen, insbesondere beim GENO-Haus, die Trennung des öffentlichen Sockels vom restlichen Baukörper beobachten. Dies ermöglichte dem Kammerer + Belz und Partner Büro  maßgeschneiderte Grundrisse für die repräsentativen Funktionen zu realisieren und gleichzeitig eine Flexibilität in den Bürogeschossen zu erhalten.
 

DA

 

Bankfilialen und Finanzinstitute

Das Büro Kammerer + Belz und Partner errichtete in der Vergangenheit einige Bankfilialen, die viele wiedererkennbare Merkmale der Architekten beinhalten. Die entstandenen Bauwerke zeigen eine große Vielfältigkeit der Materialität und des Baustils. Die Materialauswahl kann in drei unterschiedlichen Kategorien eingeteilt werden.
 
Kategorie I: Metallbau. Das Material Metall hat Kammerer in seiner früheren Phase bevorzugt verwendet. Es gibt viele Gestaltungsmöglichkeiten - z.B. Kupfer, denn es wirkt natürlich, altert im Laufe der Zeit und bekommt somit einen ganz eigenen Charakter. Unter anderem verwendete das Büro die Materialien Aluminium und Titanzink. Da diese fein und leicht sind, wurden sie entweder in handwerklicher oder auch industriell bearbeiteter Form in Kammerers Planung integriert. Die Kombination von Metall und Glas kann eine eindrucksvolle Wirkung hervorrufen. 
Ein weiteres Beispiel ist die Erweiterung der Commerzbank am Fruchtkasten in der Stuttgarter Innenstadt. Durch das Wechselspiel von der schwarzen Aluminiumverkleidung und den langen Fensterbändern wird eine starke, horizontale Anordnung geschaffen. Aus der Mitte des Gebäudes ragt ein verspiegelter Glasturm hervor. Dieser reflektiert seine Umgebung und verschmilzt mit dieser.
 
Kategorie II: Massivbau. Bei der Massivbauweise wird von der Bauweise der traditionellen Bankhäuser unterschieden, welche durch ihre monumentale Fassade Repräsentanz wiederspiegeln. Die Architekten versuchen dabei die Gebäude auf eine bescheidene Art und Weise in das Stadtbild zu integrieren. Das Wort “massiv” bezieht sich dabei auf die Wahl von Materialien, die massiver als Metall sind. Beispielhaft dafür wären Beton, Stein oder Ziegel. Um die Wirkung der großen Gebäude Dimensionen weniger dominant erscheinen zu lassen, integrieren die Architekten die Materialien und andere formgebende Elemente wie Fenster, Gauben oder Arkaden in die Struktur der Fassade. Dadurch schaffen sie einen wechselhaften Rhythmus in der vertikalen Richtung.
 
Kategorie III: Um- und Erweiterungsbau bei denkmalgeschützten Bestandsgebäuden. Bankfilialen dieser Kategorie treten meisten an zentralsten Standorten in der Stadt auf und repräsentieren sich durch die prächtigen Fassaden dem Publikum. Aufgrund des Denkmalschutzes gibt es oftmals für die Architekten wenig Spielraum für eigene Gestaltungselemente. 

MT

"Wir versuchen eigentlich immer, ein bisschen Stadt mit in den Entwurf einzubeziehen [...] mehr Funktionen in den Bau einzubeziehen, als unmittelbar verlangt"

Hans Kammerer, in: Heinrich Klotz, Architektur in der Bundesrepublik, 1977